3/21/2011 Salzburger Nachtrichten

Budapest: Die Oper nach dem Sturm

Ungarische Staatsoper Budapest. Nach Turbulenzen, Entlassungen und Regierungseingriffen kehrt wieder der Alltag ein im Opernbetrieb.

Budapest: Die Oper nach dem Sturm

Ungarische Staatsoper Budapest. Nach Turbulenzen, Entlassungen und Regierungseingriffen kehrt wieder der Alltag ein im Opernbetrieb.

ERNST P. STROBL WIEN, BUDAPEST (SN). Man liebt sie ja, die Dramen in der Oper, deshalb geht man gern hin. Da gibt es Intrigen, Leidenschaften wie Liebe und Hass, mitunter auch Tote. Auf der Bühne, versteht sich, es gibt aber auch Häuser, wo es im Betrieb drunter und drüber geht.

Die Ungarische Staatsoper Budapest hat im vergangenen Herbst Stürme erlebt. Die Parlamentswahlen im letzten April hatten einen Rechtsruck ergeben, was sich auch auf die Kulturpolitik auswirkte. Nach der Regierungsbildung gab es kein Kulturministerium mehr, für die Staatsoper war plötzlich das Ministerium für Nationale Ressourcen zuständig. Schon im August wurde der künstlerische Leiter, der Regisseur Balász Kovalik, entlassen, im Oktober setzte das Ministerium den Generaldirektor Lajos Vass ab, schon vorher war ein eigener „Ministerialkommissar“ eingesetzt worden. Und zuletzt warf der Chefdirigent Adam Fischer, der einzige internationale „Star“ im Haus, das Handtuch und demissionierte. György Györiványi Ráth übernahm Fischers Stelle, Adám Horváth fungiert laut Homepage als „Ministerial Commissioner“. Mittlerweile ist Zeit genug vergangen, um die Entwicklungen näher zu betrachten.

Wie so oft, scheint es verschiedene „Wahrheiten“ zu geben, jedenfalls sind die Wahrnehmungen unterschiedlich, je nach Blickwinkel. Adam Fischer erklärte im SN-Gespräch in Wien vor wenigen Tagen jedenfalls seine Sicht: „Der Minister sagte, er möchte ein führendes Haus in Europa haben“, sagte Fischer. „Ich habe das missverstanden, ich dachte, dass er das tatsächlich will. Die Leute wollen dort – ein bisschen übertrieben formuliert – Weltniveau zum gesellschaftlichen Nulltarif.“ Und weiter: „Ich habe gesagt, falls man das will, was man unter Weltniveau versteht, braucht man entweder viel mehr Geld, oder die Struktur gehört geändert.“ Welche Struktur? „Ein Repertoiretheater mit einem eigenen Ensemble auf Weltniveau, das geht nicht“, sagt Fischer. „Ich habe nicht gewusst, dass der politische Wille zur Strukturänderung nicht da ist und dass das die ganze Künstlerwelt gar nicht akzeptiert. Wenn Sänger direkte Verbindungen zu Politikern haben und vielfach interveniert wird, dann ist die Sache überhaupt nicht lösbar.“

Warum hat er das Handtuch geworfen? „Das Hauptproblem war, dass von der neuen Regierung dieser Regierungskommissar (Adám Horváth, Anm.) ernannt wurde. Das war der auslösende Punkt, warum ich das hingeschmissen habe. Ungarn hat noch aus der Vorkriegszeit das System, dass die Direktoren so wie Politiker von einem Tag auf den anderen abgelöst werden. Dass man zwei oder drei Jahre im Voraus plant, ist so nicht möglich. Ich habe drei Jahre gesät, und in dem Augenblick, wo die ersten Pflanzen langsam Früchte tragen, fährt einer mit dem Traktor drüber, weil er die Geduld verliert.“

Adam Fischers Enttäuschung ist unüberhörbar. „Es ist leider jetzt die politische Linie, dass überall Leute von der Regierungspartei kommen müssen. Der Generalmusikdirektor ist ein Parteimitglied, und der neue Intendant ist auch ein Parteimitglied. Er ist deshalb zum Regierungskommissar ernannt worden, weil er als Operndirektor sich hätte bewerben müssen,“ schiebt Fischer noch nach. Die Moral muss sich ändern Adám Horváth hat seinerseits Erklärungen, die er beim SN-Gespräch in Budapest erläutert. „Als ich das Haus im Oktober übernahm, hatten wir 100.000 Forint in der Kassa, also rund 300 Euro. Aber dafür hatten wir 800 Millionen Forint (29 Mill. Euro) unbezahlter Rechnungen gehabt.“ Und heute? „Wir sind jetzt im Budget bereits im Plus und haben kein Defizit mehr.“ Horváth, in Graz und in den USA ausgebildeter Bariton, gibt sich kämpferisch. „Wir müssen endlich die Oper in Ordnung bringen. Hier wurde sehr wenig richtig gemacht – ich rede natürlich nicht über Kunst, sondern über den Betrieb.“ Aber seine Vorgänger waren ja keine Anfänger? „Lajos Vass ist vom Ministerium gekommen, er war Staatssekretär, also Politiker.“ Und, hat er selbst schon vorher ein Haus geleitet? „Ich singe hier am Haus seit sechs Jahren, ich habe mehrere Opernfestivals in Miskolc geleitet und von 2000 bis 2010 war ich Direktor von Vox Artists GmbH“, antwortet Adám Horváth. Seine Ziele sind hochgesteckt: „Ich möchte die Ungarische Staatsoper auf dieselbe Ebene bringen wie die Salzburger Festspiele oder die Opernhäuser in Wien, München oder Paris. Vor allem die Moral und Ethik muss man ändern, die ganze Einstellung der Beschäftigten, die immer noch unter dem, was von der kommunistischen Zeit übrig geblieben ist, leidet.“

„In künstlerische Entscheidungen rede ich nicht drein“, sagt Horváth. „Natürlich habe ich Ideen, zum Beispiel, Christoph Eschenbach als principal guest conductor zu bringen. Das habe ich initiiert und durchgesetzt. Nächstes Jahr dirigiert er zwei Mal ,Parsifal‘. Und ich habe vor, Achim Freyer als Regisseur hierher zu holen und möchte mit Marco Arturo Marelli verhandeln.“ Nicht dreinreden ist vielleicht etwas anderes . . .